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Die Entwicklung des Anamorphotischen Objektivs: Von der Erfindung bis Heute

Die Entwicklung des Anamorphotischen Objektivs: Von der Erfindung bis Heute

LuoZiva |

Der breite, mit Flares durchzogene Look von anamorphotischem Filmmaterial gilt heute als modernes Markenzeichen des Filmemachens, doch die Technik dahinter hat eine deutlich ungewöhnlichere Vorgeschichte. Die anamorphotische Optik begann als militärisches Hilfsmittel, wurde von einem französischen Astronomen für das Kino neu erfunden, lag danach jahrzehntelang ungenutzt in der Schublade und wurde erst zu einem festen Bestandteil Hollywoods, als ein Studio ein Mittel gegen das Fernsehen suchte. Dieser Artikel zeichnet diesen Weg nach – von Periskopen aus dem Ersten Weltkrieg bis zu den kompakten, erschwinglichen anamorphotischen Objektiven, die Filmemacher heute nutzen.

Was ist ein anamorphotisches Objektiv? 

Ein anamorphotisches Objektiv nutzt zylindrische optische Elemente, um ein breiteres horizontales Bildfeld auf einen Standardsensor oder ein Filmbild zu pressen, anstatt der sphärischen Elemente herkömmlicher Objektive. Wird das Material in der Postproduktion "entzerrt", dehnt es sich wieder zu einem breiten Kinoformat aus – meist im Seitenverhältnis 2:1 oder 2,4:1, wobei manche Systeme noch breitere Varianten wie 2,39:1 oder 2,66:1 erzeugen. Genau diese Stauchung erzeugt auch die typischen Merkmale anamorphotischer Objektive: ovales Bokeh, horizontale Flares und ein ausgeprägtes Gefühl von Tiefe.

Geschichte des anamorphotischen Objektivs: Vom Militärgerät zum Kino

Früher militärischer Einsatz im Ersten Weltkrieg

Bevor anamorphotische Optiken jemals eine Filmkamera berührten, lösten zylindrische Linsenelemente bereits ein ganz anderes Problem: Sie verschafften Soldaten ein breiteres Sichtfeld. Während des Ersten Weltkriegs kamen ähnliche zylindrische optische Konstruktionen in Panzerperiskopen zum Einsatz, wo die Stauchung eines breiten horizontalen Blickfelds auf einen schmalen Sichtschlitz der Besatzung ein besseres Lagebewusstsein ermöglichte, ohne sie feindlichem Beschuss auszusetzen. Dieser militärische Einsatz liegt fast ein Jahrzehnt vor der Nutzung anamorphotischer Optik im Kino und entstammt einer eigenen, getrennten Entwicklungslinie von jener Erfindung, die später Hollywood erreichte.

Wer hat das anamorphotische Objektiv erfunden?

Das anamorphotische Objektiv, wie es heute in der Filmproduktion eingesetzt wird, geht auf Henri Chrétien (1879–1956) zurück, einen französischen Astronomen und Optikingenieur. Chrétien begann Anfang der 1920er-Jahre mit optischer Weitwinkelkompression zu experimentieren und meldete am 9. Dezember 1926 ein Patent für seine Konstruktion an – das Hypergonar. Die öffentliche Erstvorführung des Objektivs fand 1927 in der Pariser Oper statt und zeigte ein deutlich breiteres Bildfeld, als es sphärische Objektive jener Zeit liefern konnten. Trotz des erfolgreichen Vorführtermins zeigte die französische Filmindustrie kaum Interesse, und das Hypergonar geriet für die nächsten 25 Jahre weitgehend in Vergessenheit.

Wie das anamorphotische Objektiv nach Hollywood kam

Chrétiens Erfindung fand ihr eigentliches Publikum erst Anfang der 1950er-Jahre, als das aufkommende Fernsehen begann, dem Kino die Zuschauer abzuwerben. Auf der Suche nach etwas, das das Fernsehen nicht bieten konnte, lizenzierte 20th Century Fox Chrétiens Hypergonar-Patent und vermarktete die Technik unter dem Namen CinemaScope. Der kommerzielle Start erfolgte 1953 mit "Der Mantel" (The Robe) und bot dem Kinopublikum ein deutlich breiteres, immersiveres Bild, als es sphärische Objektive damals liefern konnten – und das, ohne die Auflösung zu opfern, wie es eine einfache Bildfeldmaskierung getan hätte. Die Wette ging auf: CinemaScope trug dazu bei, das Kinoerlebnis wieder als etwas zu etablieren, das das Fernsehen schlicht nicht nachbilden konnte, und anamorphotische Kinematografie wurde rasch zu einem Markenzeichen aufwendig produzierter Filme.

Squeeze-Faktor bei anamorphotischen Objektiven: Damals und heute

Der Squeeze-Faktor – also wie stark ein Objektiv das Bild horizontal staucht – hat sich seit Chrétiens ursprünglicher Konstruktion deutlich verändert:

  • Frühe CinemaScope-/Hypergonar-Objektive: ein einheitlicher 2-fach-Squeeze
  • Moderne anamorphotische Objektive: eine deutlich größere Bandbreite an Squeeze-Faktoren, darunter 1,33x, 1,5x, 1,6x, 1,8x und 2x, wodurch Filmemacher genauer bestimmen können, wie stark der breitleinwandtypische Charakter ausfallen soll

Diese Bandbreite ist mit ein Grund dafür, warum sich anamorphotische Objektive in den letzten Jahren so stark diversifiziert haben. Auch das eigene Sortiment von SIRUI spiegelt diese Spannbreite wider: Die Astra-Serie arbeitet mit 1,33-fachem Squeeze, die Saturn-Serie mit 1,6x und die IronStar-Serie mit 1,5x – jede auf eine eigene Balance zwischen breitleinwandtypischem Charakter und Alltagstauglichkeit ausgelegt.

Warum sind moderne anamorphotische Objektive kompakter und erschwinglicher geworden?

Über weite Teile des 20. Jahrhunderts blieb das anamorphotische Objektiv ein Spezialwerkzeug, das großen Studioproduktionen vorbehalten war. Historische Anamorphoten waren im Vergleich zu Standard-Kamerabodys groß, schwer und teuer und hinkten optisch – etwa bei Konsistenz und Schärfe – herkömmlichen Objektiven oft hinterher.

Das änderte sich im Laufe des letzten Jahrzehnts. Moderne Hersteller – darunter auch SIRUI – haben anamorphotische Optiken neu konstruiert und dabei deutlich leichter und erschwinglicher gemacht, ohne bei der Bildqualität Kompromisse einzugehen. In vielen Fällen sind aktuelle anamorphotische Objektive sogar spürbar schärfer als ihre historischen Vorgänger – eine Technik, die einst Hollywood-Studios vorbehalten war, ist damit auch für unabhängige Filmemacher und Fotografen zugänglich geworden.

Fazit

Von einer Lösung für Panzerperiskope über die übersehene Erfindung eines französischen Astronomen bis hin zum breitleinwandtypischen Werkzeug, das dem Kino im Wettbewerb mit dem Fernsehen half – das anamorphotische Objektiv hat eine der ungewöhnlicheren Entstehungsgeschichten der Filmtechnik. Was in den 1920er-Jahren als Nischenpatent begann, ist heute ein weithin zugängliches kreatives Werkzeug – ein Beweis dafür, dass manche der ikonischsten Bildsprachen des Kinos jahrzehntelang brauchten, um ihren Moment zu finden.

FAQ

Wer hat das anamorphotische Objektiv erfunden?

Henri Chrétien, ein französischer Astronom und Optikingenieur, erfand das anamorphotische Hypergonar-Objektiv und ließ es 1926 patentieren.

Wann wurden anamorphotische Objektive im Film populär?

Anamorphotische Objektive setzten sich Anfang der 1950er-Jahre durch, nachdem 20th Century Fox Chrétiens Patent lizenziert und 1953 kommerziell als CinemaScope eingeführt hatte.

Was ist ein Squeeze-Faktor?

Der Squeeze-Faktor beschreibt, wie stark ein anamorphotisches Objektiv das Bild horizontal staucht. Frühe CinemaScope-Objektive arbeiteten mit 2-fachem Squeeze, während moderne Objektive eine Bandbreite von 1,33x bis 2x abdecken.

Werden anamorphotische Objektive nur im Kino eingesetzt?

Nein. Obwohl anamorphotische Objektive ursprünglich aus der Filmproduktion stammen, haben moderne, kompaktere Konstruktionen sie auch bei Fotografen zunehmend beliebt gemacht.